„Ach ja, für die Knochenmarkspenderdatei müsste ich mich auch mal registrieren lassen!“
Das ist doch ein Spruch den fast jeder kennt. Dann ließt man in den sozialen Netzen aufrufe: „Für kleinen Timmy (9) wird eine Spenderperson gesucht. Für Arbeitskollegin X wird ein jemand gesucht. Immer wieder entfernte Schicksale, die einen kurz bei Scrollen innehalten lassen. Dann denkt man „Mach ich auch mal!“ und vergisst es.
Worauf wartest du…?
Doch nun kam es in meine Nähe! Ein Kind in der Klasse meines Kindes erkrankte an Leukämie. Das reichte mir. Wie dicht, muss das noch an mich herankommen, bis ich den kleinen Schritt mit der Registrierung mache? Worauf warte ich…? Tatsächlich habe ich mich dann endlich an den Computer geklemmt und ein Testkit bei der DKMS bestellt. Das war vor mehr als 10 Jahren.
Und plötzlich bekomme ich eine SMS.
Sehr geehrter Herr Winckel*, Sie sind bei uns als potenzieller Stammzellenspeder registriert […] Bitte melden Sie sich umgehend[…]“
Ich dachte nur „Auweia, es geht los!“. Es löste etwas in mir aus. Ich werde gebraucht. Es geht jemandem schlecht und „nur ich“ kann helfen. Wahnsinn! Das Leben der empfangenden Person hängt ggf. davon ab, ob ich Stammzellenmäßig passe.
Es kam ein Bluttestkit. Bei meinem Hausarzt wurde das Testkit mit meinem Blut befüllt und ich brachte es sofort zur Post. Es war warm und die Probe soll ja nicht schimmeln, bis zur Ankunft. Anekdote am Rande: Mein Hausarzt war mit dem „neumodischen Zeug“ nicht vertraut und besudelte sich ziemlich dabei.
Ein paar Wochen später lag das Ergebnis vor. Ich passe! Ich bin es, der die Person retten kann! Wenn ich zustimme…
Technische Erklärung – Zwei Möglichkeiten der Spende
- Die Knochenmarkspende: Hier wird bei einer Operation in Vollnarkose von zwei Ärzten in einer darauf spezialisierten Klinik Knochenmark entnommen. Dabei wird in den Hüftknochen gebohrt und – je nach körperlicher Konstitution – Knochenmark entnommen. Bei mir waren es 1,5 Liter. Die OP ist ganz klein. Man hat dann zwei ca. 5mm Schnitte am Rücken, die mit Pflastern abgeklebt werden. Keine Naht, keine Klammern. Nach zwei Wochen sieht man (so gut wie) nix mehr.
- Die Apherese: Hier sitzt man ein paar Stunden in einer bequemen Liege und lässt sich auf der einen Seite das Blut abzapfen und zur anderen wieder einfüllen. Dazwischen passieren wundersame Dinge (die Apherese) und die für die empfangende Person benötigten Teile des Blutes werden herausgewaschen. Danach geht es ab nach Hause. Saft und Stulle inklusive.
Bei mir wurde die Knochenmarkspende – also die OP – angefordert. Mir wurde mehrfach und glaubhaft versichert, dass ich zu jeder Zeit im Prozess mein Einverständnis zurückziehen kann. Niemand wäre böse oder sauer oder traurig oder einfach nur sehr, sehr enttäuscht.
Aber für mich stand es außer Frage: NATÜRLICH MACH ICH DAS!
Die Unterlagen wurden hin und her geschickt: Fragebögen, Datenzettel, Einverständniserklärungen, etc… Wer mehr Details zum Spenden wissen will, kann sich gern an mich wenden oder das FAQ durchstöbern.
Auf zur Voruntersuchung:
Diese fand in Dresden statt. Also musste ich nach Dresden, was mich ca. 2,5 Stunden Fahrtzeit kostete. Wer sich jetzt fragt: Wer trägt die Kosten dafür? Selbstverständlich nicht die spendende Person und auch nicht die empfangende Person. Für alles und jedes gibt es Möglichkeiten der Abrechnung: Verdienstausfall, Krankschreibung, Arztbesuche (auch den der Voruntersuchung, Kilometergeld, Tickets für Zug, Flug, Bus, Taxi. Kann alles eingereicht werden. Der Anstand verbietet einen Abrechnungsmissbrauch, ist wohl klar. Also keine Luxuslimo zum Arzt bitte.
Da die Voruntersuchung um 8 Uhr startet, musste ich am Vorabend anreisen. Die Nacht im Hotel war inklusive. Die Voruntersuchung war jetzt auch kein Hexenwerk und ähnelte einem typischen, ausführlichen Kontrollbesuch bei einem Hausarzt inkl. erneuter Blutabnahme. Auch diesen Test bestand ich und der Entnahme stand nichts im Wege.
Der große Tag
Der große Tag kam und ich musste nun erneut nach Dresden reisen, um dort die Spende zu leisten. Die Krankenhausmitarbeiterinnen und -mitarbeiter hatte ich mit einer gut gefüllten Tüte Snacks bestochen. In meiner Timeline hatte ich mich erkundigt, was man so gern wegschnabuliert.
Auf dem Zimmer der Klinik traf ich auf einen weiteren Spenderkollegen. Wir verstanden uns sofort gut. Vor lauter Aufregung haben wir beide sehr schlecht geschlafen. Er wahrscheinlich auch noch unter erschwerten Bedingungen. Ich solle geschnarcht haben. Pffff…. Hätte ich ja gehört! Kann also nicht sein. Er tat mir aber schon etwas leid.
Jetzt geht’s loohoos…
Frühstück fiel für uns beide aus, wegen der OP natürlich. Ich durfte mich noch auf den OP-Tisch in Bauchlage legen. Da gab es eine hübsche Schale für die Plauze und eine Aussparung für die Teile unterhalb des Bauches. Der Drops war ca. eine Stunde später gelutscht.
Zack fertig…
Auf dem Zimmer bekamen wir die Instruktionen, nur in Begleitung einer weiteren Person aufzustehen, da einem schnell schwindlig werden würde. Die abgezapfte Menge war bei mir etwas mehr, als bei meinem schmächtigen Kollegen. Wir waren beide brav und haben uns nur nach Aufforderung bewegt. Schmerzmittel haben wir präventiv ausgehändigt bekommen. Mein Kollege und ich mussten jedoch nichts nehmen. Es tat uns beiden nichts weh. Klar, irgendwas hat man am Rücken, aber Schmerzmittel waren dafür nicht erforderlich.
Die ersten Schritte zur Toilette waren jetzt wenig aufregend. Ich fühlte mich etwas schwindelig, wie man sich bei einer stärkeren Erkältung fühlt und sich von der Couch zum Klo schleppt.
Am Folgetag wurden wir schon wieder entlassen. Jedoch gibt es hier die Auflage, dass man nicht allein die Rückreise antreten darf. Meine Eltern sammelten mich ein. Übrigens auch für die Begleitperson wird, ggf. Hotel und Reisekosten übernommen!
Renn doch…
Für den nächsten Tag war die Heimreise angesetzt und ich musste durch das Krankenhaus und zum Auto. Mein lieber Scholli… Die 40m vom Flurende zum Schwesternzimmer verlangten ziemliche Kraft von mir. Ich war, nur durch normales gehen, total aus der Puste. Mir war nicht schwindelig, aber ich war sehr schnell so aus der Puste. Das war neu für mich. Phu.
Die zwei Schnitte am Rücken waren nicht der Rede wert. Gut, beim Schuhe binden, habe ich die Streckung im Rücken gespürt, sonst aber nichts. Die Kurzatmigkeit legte sich nach kurzer Zeit wieder. Meine mir bisher bekannte Ausdauer brauchte ca. 2 Monate bis sie wieder normal war. Ausdauertraining habe ich nach 5 Wochen wieder begonnen, aber die Einschränkungen der mangelnden Bewegung musste ich jetzt auch kilomäßig abbauen und die Ausdauer neu aufbauen. Halb so wild, für das Ergebnis:
Das Ergebnis
Nach der Spende erhielt ich einen kleinen Informationsbrocken zu meiner empfangenden Person. Wie viele Informationen man bekommt, kann je nach Land kann variieren. Die Person, für die ich gespendet habe, kommt aus Frankreich. Frankreich hat die strengsten Regeln, was den Informationsaustausch angeht. Ich war gerade auf dem Parkplatz eines Supermarktes, als ich eine kurze Mail bekam. Ich dachte erst an Spam und wollte die Mail schon löschen. Da erkannte ich den Absender. Die DKMS! Betreff: Brief von Ihrer Patientin
Ich bekam folgende Informationen:
Eine Mutter. Alter zwischen 30 und 40. Sie hat Kinder!
Ich stand da. Mitten auf dem Parkplatz. Alles um mich herum wurde leise. Mir liefen die Tränen. Sie bedankte sich für meine Spende, und dass ich ihr erlauben würde, weiterhzuleben und ihre Kinder aufwachsen zu sehen. Als dann zwei Damen kamen und fragten, ob alles ok ist, sammelte ich mich kurz und sagte "Es ist sehr ok!" und lachte. Die Damen zogen etwas verwirrt ab, als ich mich sammelte.
Ein Paket
Nach ein paar Tagen erhielt ich ein Paket der DKMS. Darin ganz viele nette Aufmerksamkeiten. Die Nachuntersuchungen (Kosten auch von er DKMS getragen) waren unauffällig. Alles wieder ok. In der Zeit danach habe ich einen Brief an meine Empfängerin geschrieben. Ich wünschte viel Glück und viel Gesundheit und noch lange Freude an der Familie. Der Brief war natürlich, gemäß der Vorgaben, anonymisiert. Lange erhielt ich keine Antwort. Zumal Frankreich, wie schon beschrieben, die strengsten Kontaktregeln für Knochenmarkspendekontakte hat. Die DKMS hat dazu eine Broschüre, die ich hier mal verlinke.
Ich hatte meinen Brief schon lange vergessen. Auch die Spende an sich war in den Hintergrund gerückt.
Und nochmal...
Nach ein paar Monaten kam erneut eine Anfrage der DKMS. Für die gleiche Person, sollte ich diesmal via Apherese Stammzellen spenden. Sicher ist nicht schwer zu erraten, dass ich auch diesmal sofort zugesagt habe. Die Aufgabe war diesmal ja sogar noch leichter: Hinlegen, ein paar Stunden stillhalten, nach Hause fahren. Das schaffe ich auch noch. Da man bei der Apherese ja auch viel Flüssigkeit zurück erhält, war es diesmal auch erlaubt, dass ich allein nach Hause fahre. Ungefärh 10 Tage später waren auch die blauen Flecken in den beiden Armbeugen wieder verschwunden. Auf meine Nachfrage, ob die zweite Spende nötig ist, weil evlt. der Krebs wieder bei der Empfängerin aufgetaucht ist, konnte man mir nicht beantworten. Es sei auch möglich, dass einfach ein "Boost" gewünscht würde. Ich hoffe ja, dass die Empfängerin auch mit der zweiten Starthilfe bzw. dem Boost gut zurecht gekommen ist und sich bester Gesundheit erfreut.
Und jetzt du!
Vielleicht haben dich ja meine Erlebsnisse und Schilderungen bewegt, dich auch registrieren zu lassen. Das geht ganz leicht hier: https://www.dkms.de/registrieren
Ich wünsche euch alles Gute und viel Erfolg bei eurer Registrierung und vielleicht auch der Spende.
Euer Niko



